Alles über achtsame Markenführung Entspannt erfolgreich

Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn! Vollständig sein, ohne perfekt sein zu müssen.

Vollständig sein, ohne perfekt sein zu müssen

Dieses Interview ist noch aus der Zeit vor meiner Neupositionierung. Er betrifft nicht unbedingt dein Unternehmerdasein, gibt jedoch tiefe Einblicke in das neuerlich so modern gewordene Bestreben nach konstanter Selbstoptimierung. Da das auf dem Weg zum Erfolg auf jeden Fall von Bedeutung ist, habe ich das Interview auf der Seite belassen. Dieser Beitrag von  Andreas Gauger ist hilfreich, wenn dein Perfektionismus dir manchmal in die Quere kommt. Das Motto lautet: „Schluss mit dem Optimierungswahn!“

Andreas ist Life-Coach und Persönlichkeitstrainer. Für mich ist er einer der gründlichsten Blogger in diesem Metier. Er durchdringt mit seiner Schreibe die Themen derart tief und fachlich fundiert, dass es mir sehr viel Freude macht, seine Artikel zu lesen. Zudem finde ich mich beim Lesen seiner Beiträge immer wieder nickend vor, das heißt, seine Erfahrungen decken sich häufig mit meinen. Sein Umgang mit Schattenanteilen hat es mir dabei besonders angetan. Er nähert sich diesen Anteilen liebevoll mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Als ich an der Planung für 2016 saß und das Thema für den Februar stand – Vollständigkeit versus Perfektion – war ich mir sicher, dass Andreas meine Leser zu diesem Thema ganz sicher inspirieren kann. Ich freue mich sehr, dass er meiner Einladung zu diesem Interview gefolgt ist.

Lies hier seine Antworten auf meine Fragen:

Andreas, du bist Coach und Persönlichkeitstrainer und hast täglich mit dieser Thematik zu tun. Was bedeuten diese beiden Begriffe für dich bezogen auf das persönliche Wachstum?

Perfektion und Vollständigkeit stellen für mich ein Gegensatzpaar dar. Perfektion entspricht dabei einem in unserer modernen Leistungsgesellschaft sehr populären Idealbild, das besonders Politik und Wirtschaftsunternehmen in die Karten spielt. Gleichzeitig ist es für uns Menschen unerreichbar. Dabei ist nichts falsch an dem Anspruch, perfekt in etwas sein zu wollen. Daraus kann eine starke Motivation entstehen. Und unter uns; müsste ich mich einer schweren Herzoperation unterziehen oder besteige ich ein Flugzeug, so habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn der Chirurg bzw. Pilot den Anspruch hat, seinen Job perfekt auszuführen.

Da sind wir aber auch schon bei einem Kernthema: dem passenden Kontext.

Meist versuchen wir ja wahllos perfekt zu sein, egal was das Sujet* ist oder ob es in dem jeweiligen Kontext überhaupt Sinn macht. Dann versklaven wir uns schnell an einen inneren Antreiber, der uns ständig in Vergleiche zu anderen zwingt und dem wir nie gut genug sind. Natürlich orientiert sich dieser innere Antreiber dabei stets nach oben und findet immer jemanden, der in irgendetwas besser ist, als wir. Das kann einem ganz schön die Laune verhageln. Und Schlimmeres.

Wie angedeutet ist es leider so, dass wir hierfür soziokulturell viel Beifall ernten. Unsere Gesellschaft liebt Erfolgsmenschen und Spitzenleister. Das Fatale daran ist also, dass wir häufig Bestätigungserfahrungen sammeln, die stets mit Belohnungsgefühlen einhergehen, sodass wir auf unserem oft selbstausbeuterischen Weg nach Perfektion bestärkt werden. Das sehe ich in meiner Praxis immer wieder eindrucksvoll, wenn Menschen zu mir kommen, die auf der Karriereleiter Großes erreicht haben und dann feststellen, dass sie da nie wirklich hin wollten und der Preis einfach zu hoch war.

Ziehen wir die Transaktionsanalyse zu Rate, dann sind besonders Menschen mit der Einstellungsposition „Ich bin nicht (so) o.k., die anderen sind (mehr) o.k.“ anfällig für einen übertriebenen Anspruch nach Perfektion. Sozusagen als Kompensationsversuch für eine tief empfundene, teilweise verdrängte und rein subjektive Unzulänglichkeit ihrer selbst – selbstverständlich aufbauend auf früheren Beziehungserfahrungen. Kommen dann noch entsprechende Bann-Botschaften hinzu, kann der Drang nach Perfektion und die Angst, Fehler zu machen, übermächtig werden. Hier näher ins Detail zu gehen, würde leider den Rahmen sprengen.

Um es nochmals zu betonen; an dem Wunsch danach, möglichst wenig Fehler zu machen und gute Leistungen zu bringen, ist nichts Pathologisches. Es ist eine Frage des richtigen Maßes. Dieses fehlt nämlich in der Praxis häufig und die Betreffenden können mir auf Nachfragen selten sagen, wann sie denn sicher wissen, dass es gut genug ist. Leider haben wir heute auch in der Coaching-, Beratungs-, Selbsthilfe- und spirituellen Szene viele beobachtbare Haltungen, die genau diese Tendenz eher noch verstärken.

Dem gegenüber steht die Vollständigkeit.

Ihr Anspruch ist nicht der, perfekt zu sein, sondern nur möglichst ausgeprägt „wir selbst“ zu sein. Mit allem drum und dran. Das schließt selbstverständlich unsere so genannten Fehler und unschönen Eigenschaften mit ein, rechtfertigt diese jedoch nicht und stellt keine Entschuldigung dafür dar, genauso falsch weiterzumachen.

Es ist ein Bekenntnis zu Ehrlichkeit und Authentizität.

Hier geht es um das, was allgemein als „Schattenakzeptanz“ bekannt ist. Früher sprach man sogar von „Schattenintegration“, aber da ist man heute etwas vorsichtiger geworden. Der Schatten stellt nach dem großen Schweizer Psychiater C. G. Jung all das dar, was wir auch sind, aber am liebsten nicht sein würden. Er ist per definitionem unbewusst und verdrängt. Beispielsweise, weil das, was wir dort über uns verbergen, nicht in das sozial erwünschte Schema passen würde. Dennoch existiert es. Es ist eine Kraft im Verborgenen, vor der wir uns fürchten, die aber, ist sie einmal befreit, unser Leben eine enorme Tiefe verleihen und im wahrsten Sinne des Wortspiels unser Leben beleben kann.

Dem Schatten gegenüber hat Jung die Persona gesetzt. Damit wurde ursprünglich im antiken griechischen Theater die Maske bezeichnet, hinter der sich ein Schauspieler verbarg. Genau darum geht es. Die Persona ist das Gegenbild zum Schatten, in der wir all unsere erwünschten Eigenschaften, all das, wie wir gerne wären, bereithalten. Unsere gesellschaftliche Maske, die je nach momentaner Rolle und Lebensumfeld (Beruf, Familie, Freundeskreis, …) variieren kann. Selbstverständlich ist einhundertprozentige Authentizität und Schattenauflösung ebenso ein unerreichbares und sicher auch nicht sinnvolles Ideal, wie es hundertprozentige Perfektion wäre. Dennoch ist der Weg der Vollständigkeit für mich derjenige, der uns näher zu uns selbst führt, während der Weg der Perfektion uns immer weiter von uns entfremdet.

Wie es Jung selbst gesagt hat: „Ich möchte lieber vollständig sein als vollkommen.“

Welches Potenzial siehst du darin, nach Vollständigkeit zu streben?

Immer mehr ein Mensch zu werden, der sich selbst in der Tiefe kennt und Ja zu sich sagen kann, auch wenn das, was er in der Tiefe über sich erfahren hat, nicht immer das ist, was er sich gewünscht hat, zu erfahren. Uns zu gestatten, immer mehr als wir selbst zu leben, kann eine der befreiendsten Erfahrungen unseres Lebens sein. Stück für Stück immer mehr von dem aus unserem Leben verbannen, was wir nicht oder zumindest nicht mehr sind und vielleicht auch niemals waren.

Doch nicht nur für uns selbst ist dies befreiend. Es ermöglicht auch, wenn es mehrere Menschen tun, echte Begegnung, jenseits unserer üblichen gesellschaftlichen Maskeraden und Schutzwälle. Diese Form der Begegnung, wenn zwei Menschen sich wirklich einander zeigen, ist Balsam für die Seele. Erreichen wir diese Ebene in unseren wichtigsten Beziehungen – beispielsweise in der Liebe – fangen wir an, uns gegenseitig zu heilen.

„Schau her, das bin ich. Nicht mehr und nicht weniger.“ Und wir können einander antworten: „Das genügt. Mehr habe ich nie gebraucht“. Wie der große jüdische Religionsphilosoph Martin Buber es ausgedrückt hat.

„Das Ich wird erst am Du zum ich.“

Wir brauchen ein Gegenüber. Je echter die Begegnung ist, desto heilsamer.

Welche Irrwege können uns begegnen, wenn wir den Weg der Vollständigkeit einschlagen?

Derer gibt es viele. Exemplarisch sei hier genannt, dass wir unsere Vollständigkeit als Entschuldigung anführen, uns nicht ändern zu müssen. Dann werden wir schnell zu einer ziemlichen Zumutung und nehmen uns heraus, was uns in den Kram passt zu unserem eigenen Vorteil und häufig zum Nachteil des anderen. Dann werden wir rücksichtslos und verstecken uns hinter der Maske der Authentizität.

Deshalb braucht es eine intensive Selbstprüfung und gehört Charakterbildung ausdrücklich zu dem Weg der Vollständigkeit. Sonst machen wir anderen und vor allem uns selbst schnell etwas vor und alles war für die Katz.

In Deinem Artikel Alles, nur diese Ohnmachtsgefühle nicht – Wie wir dem Selbstoptimierungswahn verfallen. führst Du an, dass der Selbstoptimierungswahn als Versuch der Abwehr von Ohnmachtsgefühlen interpretiert werden kann, mit dem Zwecke Kontrolle über ein unkontrollierbares Leben zu bekommen. Was denkst du, wie können Menschen mit dem Bedürfnis nach Wachstum dieser Angst vor Kontrollverlust auf heilsamere Weise begegnen?

Auch um dies genauer zu erläutern, reicht der Platz hier nicht aus. Aber ich kann es andeuten. Ein wichtiger erster Schritt ist wirklich hinzusehen.

Was ist es denn wirklich genau, das mir solche Angst macht?

Hinsehen und es aushalten, ohne sofort eine Lösung suchen zu müssen. Als Metapher gebe ich meinen Klienten immer mit auf den Weg

„Es zu lernen, mit meinem Problem (meiner Angst) im selben Raum sitzen zu können, ohne etwas damit machen zu müssen.“

Das ist das genaue Gegenteil von dem, wie wir für gewöhnlich mit Problemen und Ängsten umgehen. Oft versuchen wir, so wenig wie möglich hinsehen zu müssen und gehen sofort in die Lösungsfindung hinein. Oft mit mäßigem Erfolg. So kommen wesentlich häufiger Problemverschiebungen als echte Lösungen zustande.

Wenn ich diesen Schritt wirklich gegangen bin und ihn gemeistert habe (nicht nur intellektuell und kognitiv sondern mit allen Fasern), kann ich im nächsten Schritt meine Ängste einem Realitätscheck unterziehen. Dabei stellen wir häufig fest, dass das, was uns so eine fürchterliche Angst macht, höchstwahrscheinlich nie eintreten wird. Zumindest nicht in der befürchteten Schwere. Von hier aus kann es dann weiter gehen.

Allein der Part, wirklich hinzusehen und es auszuhalten, keine Lösung zu haben, ist für viele von uns häufig schon Herausforderung genug fürs Erste. Ist er aber gemeistert, verliert das Problem viel von seinem ursprünglichen Schrecken und wir werden innerlich größer.

Ich habe beobachtet, dass die Angst vor Kontrollverlust und der Wunsch, endlich perfekt zu sein, häufig unbewusst sind. Wie kann ein Mensch deiner Meinung nach erkennen, dass er in diese Falle getappt ist?

Neben dem Hinterfragen der eigenen Motive für den Wunsch nach Perfektion (Was versuche ich dadurch zu erreichen und vor allem; zu verhindern, dass ich perfekt sein möchte?) geht der Königsweg für mich über das Bewusstmachen der Konsequenzen unserer Handlungen.

Was soll diese Perfektion für mich erreichen und was bewirkt sie wirklich?

Bringt sie mich ernsthaft dahin, wo ich hin möchte?

Oder glaube ich nur, dass sie es tut?

Welchen Beweis habe ich dafür, dass meine Theorie stimmt, dass mein Leben durch dieses Streben nach Perfektion besser wird? usw.

Oft stellen wir hierbei ernüchtert fest, dass das Streben nach Perfektion unserem Leben tatsächlich wenig von Wert hinzufügt. Eine weitere Falle ist das typische Schwarz-Weiß-Denken, das üblicherweise hiermit einhergeht und das auf einer Kinderlogik basiert. Ganz allein schon deshalb, weil sich diese mentalen Muster für gewöhnlich in unserer Kindheit herausbilden und von kindlichen Persönlichkeitsteilen genährt werden.

Wir können uns dann schnell mit der Angst foppen, dass wir, sobald wir unser Perfektionsstreben aufgeben, ins genaue Gegenteil verfallen und nur noch faul auf dem Sofa liegen, Chips fressen und Trash-TV gucken. Das ist natürlich Blödsinn, aber ein häufiges Argument unseres inneren Kritikers. Die Angst, dass wir völlig die Kontrolle über unser Leben verlieren, wenn wir auch nur einen Zoll weit von unserem bisherigen Weg abweichen.

Oft verstärkt sich diese Dynamik natürlich, wenn es starke Verletzungen unseres Sicherheitsbedürfnisses gibt. Beispielsweise traumatische Verlusterfahrungen oder dergleichen. Das kann uns dermaßen erschüttern, dass unser Sicherheitsbedürfnis übermächtig wird. Und Kontrolle ist stets der Versuch, Sicherheit herzustellen, wo es kaum Sicherheit gibt. Wir haben ohnehin viel weniger Kontrolle über unser Leben, als wir uns immer einbilden. Aber das ist ein anderes Thema.

Wenn du deine wichtigste Botschaft diesbezüglich als Essenz in einem Satz ausdrücken wolltest, wie würde dieser Satz lauten?

Sei wachsam immer mehr Du selbst und lerne es zu genießen. Mehr gibt es nicht zu tun.

Andreas, ich danke dir für diesen tiefen Einblick. Selbstannahme ist also auch hier wieder der Schlüssel.

Über Andreas:
andreas-gaugerAndreas Gauger arbeitet als Heilpraktiker für Psychotherapie, NLP Master-Coach und ROMPC®- Coach & Therapeut in eigener Praxis.
Er hilft Menschen, einschränkende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu überwinden und Frieden mit der eigenen Vergangenheit zu schließen, mit dem Ziel, zu mehr innerer Ruhe und Gelassenheit zu gelangen und so mehr in Einklang mit dem Fluss des Lebens zu kommen.
Andreas Webseite: andreas-gauger.de
* Sujet = Thema
Das könnte dich auch interessieren:

Gefühle liebevoll fühlen – Der Kompass deines Lebens
Annehmen was ist – Was wäre, wenn es genauso richtig wäre?
Den inneren Kritiker zähmen – So kommst du ihm auf die Schliche

Dieser Beitrag darf geteilt werden…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.