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Achtsamkeit als gelebte Haltung im Management – Ein Interview mit Rahman Jamal

Achtsamkeit als gelebte Haltung im Management

Achtsamkeit als gelebte Haltung im Management

Die Achtsamkeit ist modern geworden. Große Unternehmen, wie Google und SAP haben sie für sich entdeckt. Sie bieten ihren Mitarbeitern Programme an, in denen Achtsamkeit vermittelt werden soll. Da ist die Rede von Meditation, Stressbewältigung und Mindful Leadership. Dies sind wichtige Ausschnitte aus dem achtsamen Leben. Ich beobachte dabei jedoch schon länger, dass durch den Fokus auf die Techniken das Wesentliche der Achtsamkeit verloren geht bzw. nicht umfassend vermittelt wird. Gemeint ist:

Achtsamkeit als gelebte Haltung im Management.

Ich habe sehr lange jemandem gesucht, der diese Haltung tatsächlich im Management lebt. Vor Kurzem habe ich ihn durch Zufall auf Twitter gefunden. Dort las ich ein Interview, das mich aufhorchen ließ. Ich lud ihn zum Interview ein und freue mich sehr, dass er meine Einladung angenommen hat. Sein Name ist Rahman Jamal und er ist im Top-Management tätig. In dem folgenden Interview spricht er über die achtsame Haltung und wie er sie täglich lebt.

Schau hier , was Rahman Jamal zu einer gelebten achtsamen Haltung im Management zu sagen hat:

 

 

 

Das Interview zum Nachlesen:

[00:00:02]

Claudia: „Hallo Rahman, schön dass Du hier bist. Magst Du Dich kurz vorstellen? Wer bist Du? Was machst Du? Ein bisschen habe ich schon zu Dir erzählt. Vielleicht sagst Du noch ein bisschen mehr zu Dir.“

[00:00:16]

Rahman: „Hallo Claudia, mein Name Rahman Jamal. Ich habe an der Universität Paderborn Elektrotechnik studiert mit dem Schwerpunkt Nachrichtentechnik. Ich habe einen Abschluss als Diplomingenieur seit etwa 25 Jahren. Im Anschluss begann ich bei der Firma National Instruments zu arbeiten, wo ich mittlerweile 25 Jahre tätig bin. Damals startete ich als frischer Ingenieur bei der neu gegründeten National Instuments GmbH und beteiligte mich maßgebend an deren Aufbau. Heute würde man das Start-Up einer Niederlassung bezeichnen. Dort bin ich heute Prokurist. Aber ich habe im Verlauf der Jahre sehr viele unterschiedliche Rollen im Unternehmen gehabt, zuletzt 2014 die Position des Global Technology & Marketingdirektor mit Verantwortung für Europa Asien und die so genannten Amerikas – Süd, Nord und Mittelamerika. Vor kurzem wurde mir der Titel Technology & Business Fellow verliehen. Das ist die höchste Anerkennung innerhalb einer Firma – eine Ehre, einen solchen Titel zu tragen. Und ich bin ein Officer. So wird es im Amerikanischen bezeichnet.

Kurzum: Ich bin im Spitzenmanagemenbei NI und arbeite unternehmensweit in entscheidenden geschäftlichen und technologischen Stoßrichtungen. Zudem bin ich Autor zahlreicher Bücher und Fachbeiträge über Technologien und zum Thema Industrie 4.0, was ja gerade sehr in ist in Deutschland. Last but not least habe ich noch eine Gastprofessur an der Technischen Universität Tonji.“

[00:02:10]

Claudia: „Okay, danke Rahman. Das ist aber noch nicht alles. Ich habe ein Interview mit Dir gelesen, das in der Markt und Technik erschienen ist. Dort erzählt Du davon, wie Du zur Achtsamkeit gekommen bist und dass Du das lebst. Mich würde jetzt interessieren, wie bist Du zur Achtsamkeit gekommen und was bedeutet sie Dir?“

[00:02:45]

Rahman: „Das ist eine schwierige Frage. Ich versuche mal irgendwo anzufangen. Ich bin in einem buddhistischen Land geboren, in Burma dem heutigen Myanmar. Meine Vorfahren waren Hindus aus Indien. Meine Eltern und ich sind muslimisch und ich bin in Deutschland – also in einem christlichen Land – aufgewachsen. Damit habe ich ein tieferes Verhältnis zu all den Hauptreligionen. Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen und sagen: Ich achte und schätze all diese Religion aus dem Herzen heraus. Ich bin also im wahrsten Sinne des Wortes ein Weltbürger, wenn ich das so sagen darf.

Den eigentlichen Zugang zur Achtsamkeit habe ich über meinen Großvater und meine Mutter gefunden. In unserem Umfeld ist es Tradition, dass Großeltern und Eltern ihr spirituelles Wissen an den Nachkommen weitergeben. Und zwar an den, der aus ihrer Sicht gleich von Geburt an eine entsprechende Veranlagung hat. Sie suchen sich sozusagen jemanden heraus. So hat mein Großvater meine Mutter dafür ausgesucht und beide wiederum haben mich herausgepickt als kleiner Junge. Praktisch bedeutet das, dass beide täglich meditierten. Ich habe mich einfach dazu zugesetzt und mitgemacht. Anfangs natürlich, ohne zu wissen was ich da tue. Denn eine richtige Anleitung gab es nicht. Sie haben keine großen Worte darüber verloren, was sie taten. Sie haben es einfach gemacht und ich habe mitgemacht. Nach dieser eher pragmatische Phase habe ich mich später mit dem Thema sehr ausführlich auseinandergesetzt – dann mit dem Thema Bewusstsein an sich. So bin ich zur Achtsamkeit gekommen.“

[00:04:45]

Claudia: „Ich habe gelesen, dass für Dich ist Achtsamkeit nicht nur eine Meditation, sondern vor allem eine Haltung ist. Eine, die Du nicht nur in einem Lebensbereich lebst, sondern die Dein Leben durchwirkt. Richtig?“

[00:05:10]

Rahman: „Heutzutage ist Achtsamkeit richtig in bei den Managern. So ist es bei mir nicht. Es ist wie du gerade gesagt hast. Für mich ist es ganz intuitiv von klein auf eine Lebenseinstellung. Ich muss mich nicht mental dazu zwingen. Es fließt einfach aus mir heraus. Dabei ist es völlig unerheblich, ob ich mich in meinem privaten oder im dienstlichen Umfeld befinde. Ich kann das gar nicht trennen. Das Ganze ist in der Tat eine Haltung. Alles erfolgt aus einer achtsamen Haltung heraus. Dabei ist es völlig egal, welche Rolle ich gerade inne habe. Ich bin beispielsweise Ingenieur und in einem technischen Umfeld tätig. Das ist meine Rolle. Aber auch in dieser Rolle begegne ich Menschen als Mensch, unabhängig von meiner oder ihre Rolle, Hierarchie, Stellung im Unternehmen oder in der Gesellschaft. Das ist für mich entscheidend, auch wenn es ein zurzeit Modethema ist. Diese Einstellung kommt aus dem Herzen heraus und ist eine gelebte Haltung.

Achtsamkeit ist für mich eine Lebenseinstellung - @RahmanNow Klick um zu Tweeten

[00:06:42]

Claudia: „Das ist genau das was ich so spannend fand bei Dir. Ich bin dann auf Deinen Twitter-Account gegangen und habe gesehe, dass Du twitterst – und zwar eine ganze Menge, jeden Tag ein bis zwei Posts. Auch dort geht es immer um Bewusstsein, Achtsamkeit, Wahrnehmung und das, was die Welt ausmacht. Dabei ist mir aufgefallen, dass Du das Schöne sehr wahrnimmst – Dein Fokus auf das Schöne gerichtet ist. Du hast mir eine ganz süße Geschichte von Deiner Nichte erzählt und darüber, wie Du zu Twitter gekommen bist. Magst du sie erzählen?“

[00:07:31]

Rahman: „Das ist eine lustige Geschichte. Ich hab eine Nichte, die in Atlanta in den USA lebt. Einmal im Jahr bin ich dort und verbringe mehrere Wochen gemeinsam mit ihr. Irgendwann als sie etwa zwölf war, bat sie mich, ich möge doch täglich etwas für sie auf Facebook schreiben und zwar etwas, worüber sie nachdenken kann. Dann habe ich gesagt: „Okay, wenn du das möchtest. Mache ich es.“ Seitdem bin ich auf Facebook. Ich habe mich also eingeloggt und schreibe jeden Tag für sie. Mittlerweile habe ich sehr viele Follower. Sie hat sich irgendwann mal beschwert, warum hier alle Leute kommentieren. Einige Jahre später fand sie Facebook nicht mehr interessant. Da war sie schon 14, 15 Jahre alt. Sie bat mich, nun jeden Tag auf Twitter für sie etwas zu schreiben. Das habe ich dann auch gemacht. Bis heute halte ich mein Versprechen.“

[00:08:39]

Claudia: „Diese Geschichte hat mich wirklich berührt. Ich habe irgendwann gesehen, dass es inzwischen über 4000 Follower sind. Ich dachte dabei: „Wie süß ist das denn? Er twittert für seine Nichte und immer mehr Menschen kriegen das mit und folgen Dir.” Ich sehe ja, was da täglich geliked und kommentiert wird.

Du hast es eben schon erwähnt, Achtsamkeit wird in den Unternehmen gerade sehr gehypt. Das hat seinen Anfang genommen mit Jon Kabat-Zinn in den 1990ern. Inzwischen ist sie leider zu einem Stressbewältigungs- oder Führungsinstrument geworden. Wie denkst Du darüber?  Und was macht Achtsamkeit für Manager im mittleren oder auch im Topmanagement wirklich sinn- und reizvoll.“

[00:09:48]

Rahman: „Jon Kabat-Zinn schätze ich sehr. Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber ich verfolge seine Werke schon seit den 1980er-Jahren – da war er noch weniger bekannt – als er die Mindfulness-Bewegung vom Buddhismus abgekoppelt hat. Er hat die Vipassana-Meditation mainstream-fähig gemacht. Es gibt ein schönes Buch von ihm, in dem er sagt: „Wherever I go, there I am.“ Also, wo immer ich bin, dort bin ich. Das ist auch meine Haltung. Wenn ich viel unterwegs bin auf Reisen, bin ich immer dort, wo ich gerade bin und nicht woanders.

Zu den Managerbewegungen zurzeit: Ja, das stimmt. Ich glaube der Clou ist, dass Meditation nicht mit der Kausalität einhergeht. Meditiere ich jeden Tag eine halbe Stunde – sei es mit gezielten Atemübungen oder auch der Bodyscan-Meditation, die Jon Kabat-Zinn vorschlägt – werde ich nicht automatisch die restlichen 23,5 Stunden am Tag achtsam sein. So funktioniert das nicht. Meditation hat nichts mit der Kausalität zu tun. Bei der Meditation sollte man nichts zurück erwarten, sondern es einfach tun aus einer inneren Haltung heraus. Das, was man dann bekommt ist toll aber es sollte nicht der Ansporn sein. Das ist ganz wichtig.

Außerdem ist es nicht etwas für die schnelle Entspannung oder vielleicht sogar den schnellen Aufstieg auf der Karriereleiter oder das schnelle Geld. Dann hat man die Essenz der Achtsamkeit nicht verstanden, wenn man mit dieser Absicht an die Sache heran geht. Leider ist das heutzutage so, dass schnell mal früh morgens Meditation, Yoga gemacht oder mal schnell ein Marathon gelaufen wird. Und dann soll ich dadurch noch effizienter bei der Arbeit werden. Ich glaube, da ist man noch gestresster als vorher. Vielleicht hilft es, so ein bisschen balancierter zu sein, aber das ist nicht die achtsame Haltung. Diese Haltung berührt alle Aspekte des Lebens, ob ich hier bin oder irgendwo unterwegs. Das aus dem Herzen heraus zu erkennen, ist entscheidend.“

[00:12:15]

Claudia: „Genau. Du hast gerade gesagt, wenn Du auf Reisen bist, bist Du da wo Du bist. Und wie machst Du das? Für mich ist Meditation eigentlich immer. Ich brauche kein Meditationskissen mit mir herum zu schleppen, um achtsam sein zu können. Wie lebst du deine Praxis, wenn Du auf Reisen bist? Wie verbindet Du Dich mit Dir? Du hast gesagst, dass Du es ganz natürlich bist. Und trotzdem braucht es diese Stille ein Stück weit, um sich gut wahrnehmen zu können und sich immer wieder zu verbinden. So ist es bei mir. Vielleicht ist bei Dir anders. Erzähle doch mal.“

[00:13:04]

Rahman: „Für mich ist die Meditation nicht etwas, was man tut. Sondern Meditation ist etwas, was man ist. Das heißt, eigentlich ist man 24 Stunden lang diese bewusste Präsenz. In dieser Präsenz steigen Gefühle auf. Es steigen Empfindungen auf, Erfahrungen, das Ich und so weiter. Wenn man sich als diese Präsenz wahrnimmt, dann ist man das immer. Man kann nicht vor dieser Präsenz flüchten, weil man das bereit ist. Also braucht man es nicht zu suchen, denn es ist bereits da. Das ist mit der Aussage gemeint: „You already are what you are looking for.“ Insofern hast Du vollkommen recht. Egal ob ich in der Arbeit oder zuhause bin, ich bin zunächst diese Präsenz.

In dieser Präsenz steigen Dinge auf, wie die Wolken vor einem blauen Himmel. Die Präsenz ist der blaue Himmel. Die Wolken sind die Dinge, die kommen und gehen – beispielsweise Erfahrungen, Gefühle, Empathien und so weiter. Wenn man aus diesem Hintergrund heraus handelt und diese Dinge sieht (man kann eigentlich nicht sehen sondern man ist es bereits), dann arbeitet man aus dieser Haltung heraus. Dann begegnet man Menschen als Menschen, etwa durch Mitgefühl oder empathischem Handeln. Es steigt einfach auf, je nachdem ob die Situation das in diesem Augenblick braucht. Man muss nichts aktiv tun, sondern nur aus dem Weg gehen. Den Kopf als Werkzeug beiseite halten und ihn nutzen, wenn es notwendig wird. Man agiert aus dieser Haltung heraus. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich sehr einfach. Wir sind es einfach nicht gewohnt, so zu handeln.“

[00:15:34]

Claudia: „Du meinst den Beobachter, der Distanz zum Wahrgenommenen einnimmt?“

[00:15:45]

Rahman: „Ja, Du hast mir mal erzählt, dass Du bei meinen Ausführungen in dem Interview Achtsamkeit, Empathie und Integrität erkannt hast. Darüber musste ich nachdenken, weil das Gesamtgefüge lässt sich schwer in solche festen Begriffen einteilen, wie Empathie und mitfühlendes Handeln. Andere mögen vielleicht Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Authentizität mit einbringen. Tatsache ist, dass alle diese Begriffe nur gewisse Teilaspekte oder Duftnoten ein und desselben Parfums oder Noten einer Komposition sind. Wenn man das vielleicht so nennen darf. Wenn man sich ein Musikstück anhört – beispielsweise Rockmusik, dann mag man vielleicht das Gitarrenriff, den Bass, das Schlagzeug oder das Keyboard toll finden. Was letztendlich rüberkommt ist eine Gesamtkomposition. Und dann sagt die innere Stimme: “Oh, das war jetzt schön.”

Wenn man aus dieser Haltung heraus handelt, kann man es nicht festnageln aber es bleibt ein Parfum zurück. Nicht nur für einen selbst sondern insgesamt. Ich glaube, das ist was letztendlich passiert, obwohl man es schwer in Worte fassen kann.“

[00:17:21]

Claudia: „Das ist in der Tat schwer. Ich habe natürlich auch darüber nachgedacht über diese drei, die mir so wichtig sind in meinen Programmen. Ich glaube, dass Empathie und Integrität eher eine Folge der Achtsamkeit sind – genau genommen aus der achtsamen Haltung heraus entstehen. Was glaubst du, welchen Einfluss haben diese drei Bereiche auf den Umgang mit Mitarbeitern oder auf die Kommunikation.“

[00:18:04]

Rahman: „Tolle Frage. Es hat einen großen Einfluss und eine ganz große Wirkung. Wichtig ist von vornherein zu wissen, dass jeder Mitarbeiter unterschiedlich ist. Es gibt kein „one Size fits all“. Hier geht man auf den Mitarbeiter als Mensch ein und auf die Eigenschaften, die ihn oder sie als Mensch ausmachen. Das ist ganz wichtig. Die Basis der Kommunikation ist ein solides Vertrauensverhältnis, das auf Gegenseitigkeit beruht. Wenn das einmal aufgebaut ist, kann man auf dieser Grundlage viele Kenngrößen in einem Betrieb, wie Zielvereinbarungen, Gehaltsgespräche und solche über die Weiterentwicklung eines Mitarbeiters auf eine sehr menschliche Art und Weise regeln.

Man würde dazu dann achtsame Führung sagen. Aber die Basis ist immer noch das Vertrauen, damit das Gegenüber weiß: Ich werde als Mensch geschätzt – unabhängig von Hierarchie und Stellung im Unternehmen. Das ist die Basis. Alles andere ergibt sich daraus. Und die Kenngrößen der Arbeit sind andere, als im privaten Umfeld. Aber die Basis ist nach wie vor die achtsame Haltung oder Führung. Im Businessbereich nennt man diese Vorgehensweise Conscious Business. Man sieht, „conscious“ ist vorangestellt – erst kommt das Bewusstsein oder bewusst werden und dann erst das Private oder was auch immer. Mindful Leadership ist auch eine sehr schöne Bezeichnung – also achtsame Führung. Wenn man das so charakterisieren möchte, wäre das mein Führungsstil.“

[00:19:59]

Claudia: „Wobei die Empathie bei Dir eine große Rolle spielt. Du hast mal gesagt, dass Dein Name das bedeutet.“

[00:20:08]

Rahman: „Ja, mein Name ist ein arabischer Name und bedeutet mitfühlend. Die Eigenschaft habe ich von Geburt an mitbekommen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als das zu leben.“

[00:20:28]

Claudia: „Im mittleren Management gibt es häufig diesen Druck von oben und Druck von unten. Sandwichpositionen sind oft einem großen Druck ausgesetzt oder zumindest fühlen sie ihn. Was kannst Du diesen Managern aus Deiner Erfahrung heraus mit auf den Weg geben.“

[00:21:01]

Rahman: „Ich stelle erstmal sehr häufig fest, dass viele Leute aufwachen wenn sie krank werden – in eine Lebenskrise geraten, eine Midlife-Crisis haben, den Tod eines geliebten Menschen oder eine Trennung zu verarbeiten haben. Auch wenn es vielleicht ironisch klingt, ist so eine Krise eigentlich ein Segen. Weil das Ganze von der Natur so eingerichtet ist, dass man aus diesem Kreislauf sozusagen heraus wächst. Das Licht kommt dann in die Wunde herein. Sonst hat das Licht keine Chance. Die Wunde ist so eine große Chance. Aber auf der anderen Seite muss man es nicht so weit kommen lassen.

Wenn man sich von vornherein damit beschäftigt und mehr vom Herz aus agiert, indem man die Erscheinungen im Leben als bloße Erscheinungen betrachtet. So, wie ich es vorhin versucht habe zu beschreiben – also, dass man all diese Dinge, die auftauchen, bewusster wahrnimmt.“

[00:22:13]

Claudia: „Du sprichst den Wahrnehmungsaspekt an, weniger den Aspekt, dass es nach außen gelebt wird. Eine häufige Angst ist, dass es zu emotional wird, wenn sie das so leben. Das meinst Du?“

[00:22:36]

Rahman: „Ja, das ist wichtig. Aus dem Herz zu handeln, ist wichtig. Aber wir haben auch einen Kopf. Der darf nicht vergessen werden. Ich meine jetzt, nicht nur aus der Emotion heraus zu handeln. Das Werkzeug Kopf ist ein hilfreiches Werkzeug, das eingesetzt und nicht vergessen werden darf. Sonst rutschen wir zu sehr in diesen New Age Bereich, wo ich nur noch frei schwebe. Nein, ich muss operativ, praktisch in einer Umgebung leben und setzte meine Werkzeuge – unter anderem meinen Kopf – achtsam ein. Darum geht es letztendlich. Und, dass ich nicht vergessen, dass ich in erster Linie ein Mensch bin. Dann kommt meine Rolle. Dann kommen meine Werkzeuge und die werden entsprechend eingesetzt.“

Aus dem Herzen heraus handeln ist wichtig. Aber wir haben auch einen Kopf. Der darf nicht vergessen werden. @RahmanNow Klick um zu Tweeten

[00:23:30]

Claudia: „Ich finde es teilweise schwer zu vermitteln, was das eigentlich meint. Da ist die Gefahr sehr groß, in das Esoterische abzurutschen oder zumindest so wahrgenommen zu werden. Dabei ist es ganz anders. Ich sage immer, dass Achtsamkeit auch ein Geistestraining ist.“

[00:24:03]

Rahman: „Wir sagen ja auch: Ich bin dies oder jenes. Erst kommt „Ich bin.“ Das ist das Sein. Das ist die achtsame, bewusste Haltung. Und dann kommt dies oder jenes. Ich bin Ingenieur. Ich bin heute traurig. Aber zunächst „bin ich“. Das ist das, was uns verbindet. Das ist das Menschsein. Und dann kommen die Eigenschaften. Und wenn man sich darauf kalibriert – um es technisch zu sagen – also wenn man sich darauf verständigt, dass wir erstmal „sind“. Dann hat man eine ganz andere Basis, unabhängig von Religion und spirituellen Neigungen. Dann sind wir – Punkt.

Das ist eine ganz andere Basis, als wenn man sagt: „Ich bin Christ.“ oder „Ich bin Moslem.“. Das ist schon mehr eingegrenzt. Es ist schon mehr konfrontativ. Aber wenn man sich einigt – und das ist eigentlich so selbstverständlich – müssen wir uns nur bewusst werden, dass wir in erster Linie Wesen sind. Das ist unsere Basis.“

[00:25:20]

Claudia: „Ein sehr sehr spannendes Thema. Darüber könnten wir jetzt noch ein bisschen länger philosophieren. Bei der Recherche ist mir ein Zitat von Dir aufgefallen. Dort hast Du Ajahn Chah zitiert. Dieses Zitat finde ich sehr schön. Es lautet:

“Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher. Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher. Und wenn du ganz loslässt, bist du frei. “

Das ist jetzt acht Jahre her. Wie stehst du heute zu diesem Zitat? Spielt es noch eine Rolle oder gibt es inzwischen ein anderes?“

[00:26:01]

Rahman: „Ajahn Chah wurde in Burma geboren. Deswegen hatte ich mich mit ihm beschäftigt. Ich würde sagen, es ist immer noch dasselbe. Daran hat sich nichts geändert. Wichtig ist, achtsam im Moment zu leben ohne etwas für diese Lebenshaltung haben zu wollen – wie Karriere, Macht oder Geld. Eigentlich genau im Gegenteil, hier geht es nicht um das Habenwollen, sondern um das Loslassen all dieser Anhaftungen von Augenblick zu Augenblick.“

[00:26:40]

Claudia: „Immer wieder neu…“

[00:26:43]

Rahman: „Ja, genau, immer wieder neu. Dann kann man aus einer freien Haltung heraus agieren, anstatt aus einem etwas eingeschränkten Haben- oder Besitzen wollen. Das wäre sehr einschränkend. Da habe ich nicht die Freiheit. Ich handle aus einer Freiheit heraus. Das ist sozusagen die Vogelperspektive im wahrsten Sinne. Ein Vogel ist frei. Ein Vogel fliegt ohne Gepäck, hat niemals Ballast bei und fliegt sehr hoch. Wenn ich ganz losgelassen habe, dann habe ich eigentlich alles – weil ich alles sehe. Ich hafte an nichts mehr an. Das finde ich eine natürliche Haltung. Und daran hat sich nichts geändert. Es ist auch keine Strategie für mich, um anderen Managern zu begegnen, sondern ein Lebensinhalt.“

[00:27:40]

Claudia: „Ja, spannend. Mir kommt gerade ganz spontan ein Beispiel aus dem Alltag, damit es leichter nachvollziehbar wird. Zum Beispiel die Anhaftung an Ärger. Das ist im Business sehr häufig anzutreffen. Dieses sich festbeißen an Ärger und nicht loslassen können.“

[00:28:10]

Rahman: „Das ist das große Ego. Das Ego ist eigentlich keine Entität innen drin, sondern eine Sammlung von ablaufenden Mustern. Die eigentliche Entität ist die Präsenz. In dieser Präsenz tauchen dann diese Muster auf. Aber viele verwechseln das Ego mit Entität und meinen, das Ego zu sein. Damit ist Leiden vorprogrammiert.“

[00:28:37]

Claudia: „Wir kommen ganz langsam zum Ende unserer Zeit und ich mag Dich noch um drei Tipps bitten für meine Leser und Zuschauer. Was kannst Du jemandem im Management oder auch sonst mit auf den Weg geben an Tipps, wie man diese achtsame Haltung im Berufsleben kultiviert.“

[00:29:17]

Rahman: „Fangen wir damit an, Achtsamkeit nicht als Übung anzusehen, die man 30 Minuten am Tag durchführt – wie zum Beispiel Meditation – sondern als eine ganzheitliche Lebenshaltung. Dann hat man 24 Stunden Zeit, sich damit auseinander zu setzen und nicht nur 30 Minuten in der Ecke auf meinem Yoga Kissen.“

Das Zweite: Den Augenblick immer in seiner Ganzheit wahrzunehmen, ohne ihn immer innerlich zu kommentieren und zu bewerten. Sondern einfach zuhören, wenn einer spricht. Und zwar nicht nur nach außen, sondern dem innere Geplapper erlauben, dass es sich von sich aus runter fährt.

[00:30:12]

Claudia: „Das finde ich ganz wichtig, weil viele an diesem Punkt hängen bleiben. Es wird oft vermittelt, wahrzunehmen ohne zu bewerten aber Bewertungen sind ja immer da. Wie machst Du das mit Bewertungen, wenn sie auftauchen.“

[00:30:34]

Rahman: „Also ich kann Dir jetzt ein ganz konkretes Beispiel nennen. Du hast jetzt gerade gesprochen. Ich habe Dir zugehört. Dabei sprach nichts bei mir im Kopf. Ich habe einfach zugehört. Und als Du dann Pause gemacht hast, habe ich angefangen zu sprechen. Das ist alles. Da hat jetzt nichts kommentiert bei mir. Es war still. Ich hab zugehört. Ich war bei Dir. Das passiert nicht automatisch. Es kommt aus dieser Haltung heraus, weil ich jedem Menschen als Mensch begegne. Ich bin vollkommen bei Dir, ohne etwas haben zu wollen. Ich bin still.“

[00:31:23]

Claudia: „Das heißt, es ist eine Entscheidung. Immer wieder.“

[00:31:27]

Rahman:Genau, dass ich aus Respekt heraus und aus Aufrichtigkeit einfach still bin und zuhöre. Das ist einfach gesagt, aber nicht einfach. Nimm ein Glas Wasser. In dem Wasser ist Dreck drin. Anstatt es immer wieder zu bewegen – das ist das Kommentieren – lasse ich einfach ein Glas stehen und der Dreck geht nach unten. Das klare Wasser bleibt übrig. So ist vielleicht das Ganze besser zu verstehen. <lacht>

Der dritte Tipp ist, nicht immer aus einer Haltung heraus zu handeln, etwas als Gegenleistung zu wollen. So wie die Sonne, sie scheint einfach gleichermaßen, ohne etwas dafür zurück zu erwarten. Und sie scheint auf alles gleichermaßen. Was dann zurückkommt ist unglaublich und überwältigend. Aber es geht darum, es nicht zu erwarten. Dann wird man immer wieder überrascht.“

[00:32:46]

Claudia: „Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Es ist sehr in unserer Kultur verankert und wird schon Kindern vermittelt. Rahman, vielen Dank. Das war sehr spannend. Ich habe noch ganz viele Fragen und könnte noch ein zweites Interview hinten dran hängen. Damit die Leser dich finden können. Du twitterst unter @RahmanNow.

[00:33:34]

Rahman: „Genau „Rahmanjetzt“ Was mir noch wichtig zu erwähnen ist, ich bin kein Coach. Das bist du, Claudia. Ich habe einen Fulltime-Job für ein Spitzentechnologie-Unternehmen und kann keine individuelle Beratung zum Thema Achtsamkeit geben. Natürlich bin ich in Kontakt mit diesen Leuten aber ich kann das nicht beruflich machen. Ich twittere früh morgens bevor ich in die Arbeit gehe und spät abends. Wenn ich tagsüber twittere, dann über technologische Dinge.“

[00:34:23]

Claudia: „Es lohnt sich auf jeden Fall, dir zu folgen. Es gibt ganz viel Inspiration. Soviel kann ich sagen. Ich krieg zwar nicht immer alles mit. Aber deine Texte sind immer schön tief und eine wunderbare Inspiration für den Morgen.

Lieber Rahman, ich danke dir für das Interview. Wir lesen und hören voneinander.“

 

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